Darum engagieren wir uns in monteria

Seit September 2017 sind wir nahe der Großstadt Montería im Nordwesten Kolumbiens aktiv, wo wir im Armenviertel "Chocolate" an unserem bisher größten Vorhaben arbeiten: dem Aufbau eines Bildungs- und Freizeitzentrums. Warum wir uns ausgerechnet hier engagieren und  wieso das so wichtig ist, lesen Sie im nachfolgenden Text.

AUSGANGSLAGE

Im August 2017 wurden wir durch den Hilferuf einer Freundin in Kolumbien erstmals auf die Situation in Chocolate, einem Viertel etwa zehn Kilometer nördlich vom Zentrum der Großstadt Montería, aufmerksam. Hier ein Auszug daraus aus der Mail, in der sie in Deutschland um Unterstützung warb:

Mein Name ist Marcela Isabel Silgado Galván. Seit Dezember 2013 bin ich in einer Gemeinde namens Chocolate tätig, die sich 15 Minuten von der Hauptstadt des Departamento Córdoba entfernt befindet. Dort arbeite ich mit etwa 180 schutzbedürftigen Kindern im Alter von 1 bis 13 Jahren. Einige sind unterernährt, andere haben Probleme im familiären Umfeld oder befinden sich in einer Notlage.

Im Jahresverlauf führen wir verschiedene "Kampagnen" für diese Kleinen durch, darunter Vorträge, Feste und Märkte für Geschenke, Kleidung, Schule, Bücher und weitere Dinge, die ihnen in ihrer Entwicklung von Nutzen sein können. Diese Hilfeleistungen stammen von gutherzigen Menschen, die bereit sind, diese gute Sache zu unterstützen. Dabei muss erwähnt werden, dass wir keinerlei Hilfe von der Regierung oder aus der Politik erhalten. Alles geschieht auf freiwilliger Basis.

Nun sorge ich mich insbesondere um die Zukunft der Kinder, deren Umfeld Anlass zur Sorge gibt, beispielsweise durch Drogen oder sehr frühe Schwangerschaften. Diese Fälle sind mir schon begegnet. Bis zum letzten Jahr lief die Arbeit unter der Stiftung „Niños de Colombia“ (Kinder aus Kolumbien), aber im Dezember 2016 wurde die Auflösung des Vereins beschlossen. Derzeit befindet sich ein neuer Verein in der Gründung, der unter einem neuen Namen mehr Mittel für diese Kinder zusammentragen möchte, die wirklich dringend die Unterstützung von Menschen brauchen, die etwas verändern wollen.

Bei unserem jüngsten Fall handelt es sich um einen Jungen namens Yordy, der unterernährt ist und vom Kolumbianischen Institut für Familienwohl von seiner Mutter getrennt wurde. Derzeit wird dieses Kind im Krankenhaus der Stadt Montería behandelt.

In der Gemeinde hat es zudem Überschwemmungen gegeben, denen die Vorräte der Familien zum Opfer fielen, und nun sind sie Insekten und Tieren ausgesetzt, die Krankheiten übertragen.

Die Kinder benötigen Hilfe, ebenso wie ihre Mütter bzw. diejenigen, die für sie die Verantwortung tragen, aber teilweise nicht mehr arbeiten können, weil sie schon zwischen 60 und 70 Jahre alt sind.

Ich habe bereits auf verschiedenen Wegen Unterstützung gesucht, aber es ist schwierig. Ich gehe von Haus zu Haus, versende Nachrichten und Briefe, aber einige Menschen helfen und viele andere nicht.

Deshalb möchte ich Sie hiermit darum bitten, uns bei unserer Arbeit zu unterstützen, damit wir diesen Kindern eine bessere Perspektive bieten können. Ich weiß, dass wir nicht all ihre Probleme lösen und ihnen eine erfolgreiche Zukunft sichern können, aber ich würde ihnen gern etwas mit auf den Weg geben, nämlich dass sie wissen, dass es Menschen gibt, denen sie wichtig sind, und dass sie in der Gesellschaft einen guten Platz finden.


Yordi im Krankenhaus von Montería
Yordi im Krankenhaus von Montería

Als wir diese Mail erhielten, intensivierten wir den Kontakt zu Marcela um genauere Informationen zur Situation vor Ort zu erhalten. Dabei mussten wir feststellen, dass die Lage noch dramatischer war, als Marcelas Brief ohnehin schon vermuten ließ.

 

Besonders der Fall des kleinen Yordi und seiner Schwestern nahm uns schwer mit: Der 7-Jährige war nach den Hinweisen eines Lehrers wegen Unterernährung ins Krankenhaus von Montería eingeliefert und von der Mutter getrennt worden.

 

Bei näheren Untersuchungen hatte sich dann herausgestellt, dass der Kleine nicht nur völlig abgemagert war, sondern seine Verletzungen zeigten auch, dass er über Jahre brutal missbraucht worden war – die Einzelheiten sind so grausam, dass ich an dieser Stelle nicht auf Details eingehen möchte. Nur so viel: Yordi lag er auf der Intensivstation, wo sein Leben tagelang auf dem Spiel stand.

SOFORTHILFE

Marcela mit den Schwestern von Yordi
Marcela mit den Schwestern von Yordi

Spätestens als wir von diesem Schicksal erfuhren, wussten wir, dass wir nicht wegschauen können und JETZT helfen müssen. Mit Hilfe von Projektrücklagen und privaten Geldern finanzierten wir zunächst notwendige Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, die vom Krankenhaus nicht zur Verfügung gestellt worden waren. Außerdem wurden frische Bekleidung und ein Spielzeug-Flugzeug für Yordi gekauft (er liebt Flugzeuge!). Hinzu kam weitere finanzielle Unterstützung für den täglichen Transport von Marcela zum Krankenhaus, den Besuch der beiden Schwestern (die inzwischen bei einer Pflegefamilie waren und denen Marcela auch kleine Geschenke überbrachte) sowie zur Polizei bzw. zum Kolumbianischen Institut für Familienwohl.

 

Glücklicherweise schaffte es Yordi, den die Ärzte schon fast aufgegeben hatten, die kritische Phase zu überstehen und sein Zustand verbesserte sich Ende November immer weiter. Anfang Dezember konnte er schließlich das Krankenhaus verlassen.

 

Mittlerweile lebt er mit seinen Geschwistern bei einer Pflegefamilie ohne Kontakt zu seinen leiblichen Eltern. Die ältere der beiden Schwestern (sie ist 11 Jahre alt) wurde ebenso jahrelang missbraucht und ist mittlerweile wegen einer schweren psychischen Störung in Behandlung. Nachdem der Fall zur Anzeige gebracht und sogar durch die Medien gegangen war, konnte einer der Täter ermittelt und verhaftet werden, weitere Ermittlungsverfahren laufen.

WIE SOLL ES WEITERGEHEN?

Nach dieser ersten Soforthilfe verabredeten wir uns mit Marcela mehrere Male zu stundenlangen Videokonferenzen, in denen wir weiter über die Situation vor Ort, ihre bisherige Arbeit mit den Kindern sowie ihre Wünsche und Pläne sprachen. Wir merkten in diesen Gesprächen schnell, dass wir sehr ähnliche Vorstellungen davon haben, wie man Kindern helfen kann und langsam verfestigte sich der Gedanke, dass man mit Marcela in Montería etwas Großartiges auf die Beine stellen kann. Wir sahen hier die Möglichkeit, weit über einhundert Kindern mit einem nachhaltigen Projekt eine sinnvolle Perspektive zu geben – in einem beinahe aussichtslosen Ambiente eine Chance auf eine bessere Zukunft!

 

Für unser kleines privates Projekt, dass zwar mittlerweile schon über zehn Jahre besteht, aber nie mehr als 30 Kinder unterstützt hat, bedeutete das natürlich auch, dass wir nun eine Entscheidung zu treffen hatten: Weiterhin im kleinen UnterstützerInnen-Kreis zu arbeiten und unsere Hilfe auf eine kleine Gruppe zu beschränken oder den nächsten Schritt zu machen – also Projekt auf eine breitere Basis zu stellen und die Strukturen zu professionalisieren?

 

Wir begannen ein Konzept zu entwickeln und kamen nach Abwägen aller Faktoren schließlich zu dem Entschluss, unsere Unterstützung nicht einfach nur fortzusetzen, sondern die Infrastruktur für eine kontinuierliche Arbeit aufzubauen.

 

Wir wollen ein Kinder- und Jugendzentrum in Chocolate aufbauen!

ÜBER DAS VIERTEL CHOCOLATE

Der Gemeindebezirk Chocolate befindet sich etwa 15 Kilomter von Montería entfernt im corregimiento Garzones, das zu bereits zum municipio Cerete gehört. 

Chocolate ist trotz seiner Nähe zur Stadt ein ländliches geprägtes Gebiet. Hier leben etwa 100 Familien – die meisten von ihnen in sehr großer Armut. Beim Großteil der Einwohner handelt es sich um Vertriebene, die hierher geflohen sind. Die Häuser sind fast alle 'Marke Eigenbau'. Wer über handwerkliche Fähigkeiten verfügt, hat etwas stabile Häuser, alle anderen sind oft nur aus Holz und Plastikfolie. Auch wenn einige Bewohner ihre Häuser etwas ausbessern konnten, gibt es immer noch zahlreiche Bauten, die eigentlich unbewohnbar sind – besonders in der Regenzeit, wenn es zu Überschwemmungen kommt.

In den Häusern wohnen meist bis zu drei Familien – bestehend aus Großeltern, Eltern und Kindern, die oft auch noch alle in einem Raum schlafen müssen!



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